Radtour 29

Radtour: Kunst im Öffentlichen Raum

Berlin ist eine Stadt der Kunst. Und zwar nicht nur wegen der vielen ­Galerien, sondern wegen der Kunst auf der Straße
Text: Claudia Wahjudi

Ganz Berlin ist eine einzige Kunsthalle: Auf Straßen, Plätzen und Fassaden gibt es so viele Skulpturen und Bilder wie nie zuvor. Vieles davon gehört den Bürgern, denn Auftraggeber ist der Staat gewesen. Das zeigt sich bereits auf einer knapp zweistündigen Tour durch das Regierungsviertel, die zudem verdeutlicht, welches Bild das vereinte Deutschland von sich zeichnet.

Von der Gegenwart und deren Voraussetzungen handelt der erste Teil der Strecke. Sie beginnt an den Glasstelen vor dem Jakob-Kaiser-Haus, auf die der israelische Bildhauer Dani Karavan das Grundgesetz in seiner Fassung von 1949 eingraviert hat. Von hier führt sie um das Reichstagsgebäude und die Abgeordnetenhäuser zu den deutschen Gartenzwergen ähnelnden Skulpturen des Berliner Künstlerduos Twin Gabriel, zu Franka Hörnschemeyers minimalistischem Labyrinth aus Schalelementen, den grün leuchtenden Figuren auf Leitern von Neo Rauch – dem Künstlerstar aus Leipzig –, zu Christine Gierschs bunt-bösen Märchenfiguren auf dem Dach des Bundestagskindergartens und zu Eduardo Chillidas verschlungener Stahlskulptur vor dem Bundeskanzleramt, die aus den Fernsehnachrichten bekannt ist. Und hinter dem Anbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses hat der kanadische Künstler Michael de Broin 2014 einen riesigen Kronleuchter aus alten Straßenlaternen platziert.

All das und viel mehr haben die Leitlinien für Kunst am Bau ermöglicht: Mindestens ein Prozent der Bausumme gibt der Bund für Kunst aus, über die Juroren von Wettbewerben entscheiden. Die Beiträge aus den vergangenen 15 Jahren sind dezent genug, um keine Aufregung zu provozieren. Und das, obwohl die Kunst frei ist, wie es Karavan mit dem Grundgesetz in Glas geschrieben hat. Doch widerspenstig zeigt sich nur eine Arbeit, die nicht im Staatsauftrag entstand: Georg Kleins Soundwalk „Toposonie :: Spree“ über die ausufernden Auswüchse des Lobbyismus in Berlin. Am Ufer des Dorothea-Schlegel-Platzes weist ein Schild auf die Klangkomposition hin: Sie lässt sich mit einer radio-aporee-App aus dem App-Store auf das Smartphone laden und führt eine Extrarunde an der Spree entlang.

Die Vergangenheit thematisiert der zweite Teil der Route: Südlich und westlich des Reichstags­gebäudes stehen die Mahnmale, die an die Verbrechen der Nationalsozialisten und an die deutsche Teilung erinnern: Peter Eisenmans großes Stelenfeld für die ermordeten Juden Europas etwa und Dani Karavans schwarze Wasserschale für die ermordeten Sinti und Roma, Gerhard Marcks Skulptur „Rufer“ und Wolfgang Rüppels Bodeninstallation, die den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin zeigt. Mit den Mahnmalen ist das Bild einer Stadt entstanden, die sich ihrer Vergangenheit stellt und von ihr distanziert: Wir sind nicht mehr, was wir einmal waren. Die junge Berliner Republik definiert sich ex negativo. Ein Selbstbild ex positivo dagegen hat nach 1990 noch kein zentrales Kunstwerk im Staatsauftrag versinnbildlichen können: Das Denkmal für die deutsche Einheit, das 2015 am Schloßplatz entstehen sollte, gilt noch immer als umstrittener Entwurf.

Foto: Sebastian Meyer

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