Oranienstraße

Klaus Theuerkauf, Künstler

Weißweingläser klirren, Biergläser klirren. Schultheiss wird getrunken – watt denn sonst? Prösterchen. Rockmusik auf Anschlag. Halb zwölf vormittags, geile Thekenstimmung im Goldenen Hahn. Was darf’s denn sein? Ein Selters und einen Apfelsaft? Meinetwegen. Setzt euch in die Ecke und tut so, als ob ihr nicht da wärt.
Warten auf Klaus „Chicken“ Theuerkauf, Gründungsmitglied der Künstlergruppe „endart“. Überall im Lokal hängen seine Bilder, und ein „endart“-Plakat hängt da auch:  Zwei Polizisten in Kampfmontur, knutschend im Wald.
Die eingeschlagene Scheibe der Eingangstür ist mit Gaffa-Tape zugeklebt. Theuerkauf kommt rein. Schwarzer Mantel, bunte Krawatte. Wirft ein Grinsen in die Runde. Fängt gleich an. Wo jetzt das Luzia ist, sei früher ein Türkenladen gewesen. Ohne Türken kein Überleben. So
sei das früher gewesen. Hatten
ja nix. Die Luft: tränengasgeschwängert, braunkohlegeschwängert. Die Fassaden: abgebröckelt, die Straße voller Kaschemmen, Außentoiletten. Bullenfreie Zone. Abgefuckt.
Raus aus dem Goldenen Hahn. Raus auf die O. Noch sei es nicht soweit, dass da jetzt die Japaner rumlaufen. Noch seien es nur die Abfülltouristen. Theuerkauf grinst, Theuerkauf grüßt. Rudel kann ich nicht ausstehen, sagt er. Trauen sich nicht mal aus dem Bus raus, die Feiglinge! Rein in sein Atelier. Alles voll mit Theuerkauf. Mona Lisa mit Turban und Bart. Vergrößert und eingerahmt der Verfolgtenausweis seines Vaters. Plüschtiere ans Kreuz genagelt.
Theuerkauf: Gesamtkunstwerk. Ja, sein Nasenflötenorchester spiele immer noch. Das jüngste Mitglied ist so alt wie meine älteste Abtreibung, sagt er. Übles Gelächter. Nein, Frauen dürfen immer noch nicht mitspielen. Dann ficken die nur rum, da habe er keine Lust drauf. Dann haben die die Tage, null Bock drauf.
Früher, ja, früher. Im ehemaligen Oranienstüberl habe er gearbeitet. Charles sei auch immer da gewesen. Charles, wer? Charles, egal. Charles habe mal zwei Spinnern eine Knarre abgenommen, die haben Russischroulette gespielt. Mit einer Patrone. Dann hat Charles den Spinnern die Knarre unter die Nase gehalten und ihnen Gedichte vorgelesen. So sei das gewesen damals. Charles sei ein dekadenter Caligula gewesen, aber so etwas mache man eben nicht. Russischroulette spielen. Auch nicht in einer bullenfreien Zone.
Echte Typen, die von damals: Funny van Dannen, Eichhörnchen, der Bruno. Bruno Schleinstein, geboren am  zweiten, sechsten, zweiunddreißig, gestorben diesen Sommer. Mensch Meyer!, der Bruno. Und dann noch die Ratten-Jenny, die, die dem Kippenberger die Fresse poliert hat, in der Roten Rose, die früher Schwarze Else hieß. Die habe am neunten elften Geburtstag, die Ratten-Jenny, das passt! So, aber tschüss jetzt, sagt Theuerkauf, muss gehen. Und stellt die Wanduhr noch schnell auf Winterzeit.

Facebook Kommentare

[fbcomments]