Essen auf Rädern 2.0

Ausgeliefert

Die Fahrradkuriere der neuen Lieferdienste kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen. Für sie ist es ein riskantes Unterfangen

Ein paar Mal hätte es ihn schon beinahe hingehauen, etwa im letzten Sommer, als mehrfach Dauerregen auf Berlin niederging und sein Rad eher schwamm als fuhr. Hunderte Kilometer legt David Jonsson (Name von der Redaktion geändert) im Monat als Kurier für den Lieferdienst Deliveroo in der Stadt zurück.

Sollte er stürzen, sich schwer verletzen, ist das sein Risiko. Denn die Fahrer von Deliveroo müssen sich selbst versichern. Die Unfallversicherung kostet David im Jahr satte 800 Euro.

Das sieht man selten. Ein Deliveroo-Fahrer alleine auf der Straße
Foto: imago/snapshot-photography/T.Seeliger

Das Essen der Zukunft kommt auf Rädern. Die Idee der Lieferdienste ist, die Gerichte des Lieblingsrestaurants nach Hause geliefert zu bekommen. Und das schnell. Die neue Bequemlichkeit der Kunden braucht engagierte Fahradfahrer, die weder wüstes Wetter noch maue Bezahlung abschreckt. Aber einige von ihnen haben jetzt genug davon, ihren Arbeitgebern ausgeliefert zu sein.

Seit vergangenem Jahr organisieren sich Fahrer von ­Deliveroo und Foodora in der Gewerkschaft FAU. Die Freie Arbeiter und Arbeiterinnen Union ist eine anarchosyndikalistische Gewerkschaftsföderation. In der Branche kursierten bereits Gerüchte, Fahrer hätten wegen ihres Engagements die Verträge nicht mehr verlängert bekommen.

Das Liefer-Logistik-Startup Deliveroo, der Essenslieferant mit dem Känguru im Logo, wurde 2013 in London gegründet, sein deutscher Konkurrent Foodora im Jahr darauf in München. Er ist ein Zweig des Berliner Online-Bestellunternehmens Delivery Hero, das auch Pizza.de und Lieferheld betreibt. Foodora liefert mittlerweile in zehn Ländern, Deliveroo in zwölf. Und: Geht nicht gibt’s nicht.

„Ich habe noch nie den Satz gehört ‚Bitte fahr lieber nicht‘“, erzählt David Jonsson. „Im Gegenteil, wir werden immer dazu angehalten, zu fahren.“ Auch bei den Unwetter-Warnungen im Herbst, wo bei extremen Stürmen einige Menschen starben, hätten sich David und seine Kollegen aufs Rad schwingen müssen, die sperrige Transportbox auf dem Rücken. „Das Risiko ist nicht nur, sich zu verletzen“, sagt David. „Wer mehr als zwei Tage ausfällt, hat nicht mehr die Wahl auf eine gute Schicht, in der das Geschäft lukrativer läuft, sondern muss sich mit schlechteren Zeiten ­begnügen und verdient dann weniger.“

Bei Deliveroo  heißt es dazu, die Wetterlage werde „stets überprüft“, ­bevor man die Kuriere hinausschicke. Letztlich sei es aber deren freie Entscheidung, ob sie bei Regen oder Eis arbeiten wollten oder nicht.
Foodora hat bis Redaktionsschluss nicht auf die ­ZITTY-Fragen reagiert.

Fünf Euro Trinkgeld ist „wie Weihnachten“

Als David Jonsson, seit acht Jahren Wahlberliner, bei ­Deliveroo anfing, mochte er die Idee, bei den ­Arbeitszeiten flexi­bel und immer an der frischen Luft unterwegs zu sein. Die Mankos seiner Arbeit waren ihm aber bald klar.

„Die rund 500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Deliveroo Berlin sind als Freelancer tätig“, erzählt er. ­Einen festen Stundenlohn gäbe es nicht. Bezahlt würden die ­Kuriere pro Lieferung: fünf Euro. Auf das Trinkgeld ­seien die Lieferanten angewiesen. Durchschnittlich ein Euro. „Fünf Euro sind schon wie Weihnachten.“ Die Fahrer müssen das komplette Arbeitsmaterial selbst anschaffen. Fahrrad, Helm, Mobiltelefon für den Zugang ins Liefersystem, Internetverbindung. Geht das Fahrrad kaputt, muss das vom Fahrer selbst übernommen werden.

Deliveroo bestätigt das. „Allerdings gibt es für angestellte Fahrer eine Abnutzungspauschale von 10 Cent pro Kilometer.“ Wobei der größte Teil der Fahrer, wie ­Deliveroo selbst zugibt, freiberuflich arbeite. Und: „Wir haben mit Fahrradwerkstätten und Telefonanbietern gute Konditionen.“ Diese könnten die Kuriere nutzen. Dass die Fahrer alle Kosten selbst tragen müssten, sei schließlich für sie von „Vorteil“, teilt Deliveroo mit: „Sie können für mehrere Auftraggeber gleichzeitig tätig sein.“

Mit der neuen gewerkschaftlichen Selbstorganisation hat Deliveroo nach eigenem Bekunden keine Probleme, im Gegenteil: „Wir haben unsere Fahrer bei der Gründung ­eines Betriebsrats unterstützt und sind allen Bitten, die der Betriebsrat an uns gestellt hat, nachgekommen.“ Noch nie sei ein Beschäftigter wegen der Arbeit im Betriebsrat gekündigt oder sein Vertrag nicht verlängert worden.

Das klingt, als sei die Angst um den Job, von der man unter Fahrradkurieren hört, eine reine Erfindung.
„Es geht sehr schnell, hier seinen Job zu verlieren“, sagt dagegen David Jonsson. Zwar bestehe offiziell eine Kündigungsfrist von zwei Wochen. Zu einer Weiterbeschäftigung käme es in dieser Zeit aber nicht – denn im Kündigungsfall kommt man in das System von Deliveroo nicht mehr ­hinein und erhält dann auch keine Aufträge mehr.

Die Austauschbarkeit der Fahrer

„Irgendwann wird es keine Küchen mehr geben – die Menschen werden alleine in ihren Wohnungen sitzen, und wir sind dann mit unserem Lieferservice die Zukunft.“ Diesen Satz habe einer der Unternehmensgründer von Foodora gesagt, erzählt Patty Chauplis. Die US-Amerikanerin aus Washington hatte zwei Jahre lang im Web-Development von Foodora gearbeitet – bis im vergangenen Winter ihr Arbeitsvertrag nicht mehr verlängert worden sei. „Ich habe öfter darüber nachgedacht, ob das wohl damit zusammenhängt, dass ich mich bei FAU engagiert habe.“ Was sie in ihrem früheren Job an meisten schockiert habe, sei „die Austauschbarkeit der Beschäftigten“ gewesen. „Wenn ein Problem auftauchte, wurde nicht versucht, das gemeinsam zu klären. Stattdessen wurde der Beschäftigte einfach ersetzt.“

Im Januar 2018 demonstrierte Patty Chauplis mit anderen vor dem Berliner Sitz von Foodora in der Oranienburger Straße dafür, dass sich das Unternehmen wenigstens an den Abnutzungskosten an den Fahrrädern beteilige. Am Tag der Demo habe Foodora eingelenkt – ein bisschen. Maximal 42 Euro pro Jahr zahlt es nun für die Materialabnutzung. „Das war zwar viel weniger als wir gefordert hatten“, sagt Patty Chauplis. „Aber immerhin ein Anfang.“

Kürzlich habe die FAU eine Petition an das Berliner ­Deliveroo-Büro geschickt, berichtet Georgia Palmer, Presse­sekretärin der FAU. Darin gefordert werden unter anderem Beiträge für die Unfallversicherung der Kuriere und eine Lohnerhöhung nach drei, sechs und zwölf Monaten.

Wie lange aber David Jonsson tatsächlich noch 800 Euro jährlich für seine Versicherung berappen muss, ist ­unklar. „Wir arbeiten daran, dass wir in Zukunft auch ­unseren selbstständigen Fahrern Versicherungen ­anbieten können“, heißt es bei Deliveroo dazu lapidar.


www.deliveroo.de

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