Berlin

Falsche Freunde?

Hinter dem neuen Islam-Institut an der Humboldt-Universität stehen nur konservative islamische Verbände – und ein Protestant als zentrale FigurJede Betriebsanleitung für eine Waschmaschine ist ­umfangreicher: Ganze fünf Seiten mit neun Para­graphen umfasst der Vertrag für das geplante Islam-­Institut an der Humboldt-Universität. Zum 1. April soll er unterschrieben sein. Im Wintersemester 2019/20 könnte es mit rund 30 Erstsemestern losgehen.

Das zentrale Lehrbuch ist aus dem Jahr 632: der Koran
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Der Studiengang ist ein Emanzipationsprojekt. Berlin will damit den Einfluss ausländischer Imame und Religionslehrer einschränken – indem es aufgeklärte, unabhängige und vor allem deutschsprachige Religionsexperten ausbildet. Bislang werden diese Stellen meist mit Theologen aus dem Ausland besetzt. Bekanntestes Beispiel sind die türkischen Prediger in den über 900 Moscheevereinen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V., kurz: Ditib, in Deutschland.

Der Moscheen-Dachverband untersteht der türkischen ­Regierung und ist in Verruf geraten, nachdem Vorwürfe laut wurden, dass er Regime-Gegner bespitzelt haben soll und sich für eine Neu-Besetzung des Vorstands der Neuköllner ­Sehitlik-Moschee eingesetzt habe – weil der alte zu liberal war. Nun will Berlin die Wende zu hausgemachten Islam-Predigern und -Lehrern.

Ein Gebäude gibt es für die neueste akademische Einrichtung Berlins zwar noch nicht, aber klar ist, dass die islamische Theologie Unterschlupf bei der philosophischen Fakultät ­finden soll. „Obwohl es seitens der Philosophen Vorbehalte gab, ob denn Theologie überhaupt eine akademische Geistes­wissenschaft sei“, sagt Michael Borgolte, Gründungsbeauftragter des Instituts. Geeinigt hat man sich bis jetzt auf vier Professuren für islamische Textwissenschaft, Philosophie, Recht und Religionspädagogik. Weiter hat Borgolte beim Bundesforschungsministerium einen Antrag auf zwei Forschungsprofessuren für islamische Ideengeschichte von 1200 bis 1800 sowie zu vergleichender Theologie in ­islamischer Perspektive gestellt. Der Förderantrag umfasst ­zudem zwei „Nachwuchsgruppen“ von Doktoranden zu Perspektiven religiöser Vielfalt in der islamischen Theologie sowie zu islamischer Theologie im Kontext von Wissenschaft und Gesellschaft. Im Islam-Institut werden dann Bachelor- und Master-Studien­gänge angeboten. Mit dem neuen Institut wäre Berlin der sechste Standort in Deutschland, an dem islamische Theologie an einer Universität gelehrt wird.

Für einen vielfältigen Islam

Als Beitrag zur innerislamischen Pluralität will man neue akademische Wege beschreiten, weg von der nur einseitig sunnitisch-konservativen Theologie, auch wenn die ­allermeisten Muslime hierzulande in dieser Tradition aufgewachsen sind. „Das tun wir, weil wir in Berlin zum ersten Mal ­Muslime ­sunnitischen und schiitischen Glaubens vereinen und ­erzwingen, dass die künftig zu berufenden Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer vergleichend arbeiten. Wir ­werden also keine Professoren für schiitische Theologie ­berufen, keine für sunnitische Theologie, sondern welche, die selbstverständlich ihren eigenen Standpunkt haben, aber in der Lage sind, vergleichend die anderen Konfessionen einzubeziehen“, sagt Michael Borgolte.

Seltsam nur, dass etwa an evangelischen Fakultäten eine solche Vermischung der Konfessionen völlig unüblich ist. Bis heute wird klar zwischen lutherischen und reformierten Lehrstühlen unterschieden. Den Muslimen wird also abverlangt, was den Christen erspart bleibt.

Geplant von einem Protestanten

Merkwürdig ist auch, dass die Gründung des neuen Instituts in die Hände eines pensionierten Historikers gelegt wurde. ­Michael Borgolte war von 1991 bis 2016 Professor für Geschichte des Mittelalters an der Humboldt-Universität und ist weiterhin Seniorresearcher. Unumwunden gibt er zu, dass er weder von der Theologie im Allgemeinen noch vom Islam oder gar Religionsverfassungsrecht im Besonderen irgendwelche Spezial-Kenntnisse besitzt.

Kein Wunder also, dass sich der Gründungsbeauftragte Hilfe von außen gesucht hat, nämlich von dem Göttinger Staats- und Kirchenrechtler Hans Michael Heinig. Der ist laut Presse­stelle der Humboldt-Universität gegen „ein Honorar im ­üblichen Rahmen“ der einzige Experte und Berater im ganzen Verfahren gewesen. Heinig gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet, ist gleichzeitig aber auch seit 2008 Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD. Schreibt also nun die Evangelische Kirche in Deutschland zumindest indirekt vor, wie eine Islamische Theologie in Berlin auszusehen hat? Hans Michael Heinig weist jeden Verdacht weit von sich, er habe so schreibt er, „den Berliner Kolleginnen und Kollegen als Universitätsprofessor und Inhaber eines Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Universität Göttingen rechtsgutachterliche Auskünfte gegeben. Das Kirchenrechtliche Institut der EKD war in den gesamten Prozess überhaupt nicht involviert, erst recht nicht andere Dienststellen oder Amtsträger der EKD“.

Die Verärgerung über den Gründungsvertragsentwurf für das neue Berliner Islam-Institut ist groß. Im Beirat seien nur konservative Verbände vertreten, beschwert sich die liberale Muslimin Seyran Ateş. „Wenn die konservativen Verbände sich hinstellen und behaupten, sie vertreten die Mehrzahl der Muslime, gibt es weder einen Beleg dafür noch eine Abbildung. Der Zentralrat der Muslime zum Beispiel vertritt nicht mal 0,4 Prozent der Muslime“, empört sich Ateş.
Es seien zudem Verbände, die alles andere als einen deutschen Islam vertreten, führt Rechtsanwältin Ateş weiter aus: „Wir haben hier in Deutschland, in ganz Europa, einen Islam, der sehr stark vom Ausland finanziert wird. Die Muslim­brüder sind hier aktiv, Saudi-Arabien, Katar, Iran und die ­Türkei an vorderster Front. Sie alle finanzieren in Deutschland einen Islam, der ihnen genehm ist. Das heißt, wir haben einen ­fundamentalistischen Islam, einen konservativen Islam, und nur der wird akzeptiert. Nur diese Verbände sitzen am Tisch. Also habe ich auch noch das Problem, dass die Herren nicht Deutsch sprechen.“

Dagegen würden andersdenkende Muslime unter Druck gesetzt. Sie selbst muss, seit sie in Berlin die liberale Ibn-­Rushd-Goethe-Moschee gegründet hat, in ständiger Angst und ­unter Polizeischutz leben. Dass ihr Moschee-Verein nur wenige ­Dutzend Mitglieder hat, liege nicht an mangelnder Zustimmung. „Wir als liberale, moderate und zeitgemäße Muslime müssen gegen Aggression ankämpfen. Und dass ­diese Gemeinde erst mal nur höchstens aus 30 Leuten besteht, liegt nur daran, dass man diffamiert wird, bedroht wird und mit Gewalt konfrontiert ist“, sagt Seyran Ateş.

Die Anwältin Seyran Ates gründet eine Moschee

Im Beirat für das neue Berliner Islam-Institut vorgesehen sind bislang nur die deutsch-türkische Ditib, der Zentralrat der Muslime, der schiitische Dachverband, die Islamische Föderation und der Verband der islamischen Kulturzentren. Noch aber steht die Zusammensetzung des Beirates für das neue Berliner Islam-Institut nicht unwiderruflich fest. Die Unterzeichnung des Vertrages stehe geradezu auf der Kippe, verrät Gründungsbeauftragter Michael Borgolte. Der Zentralrat der Muslime habe Zustimmung signalisiert, andere Verbände, wie der deutsch-türkische Ditib, Ablehnung.

Eine Chance für die Liberalen

„Die Vorbehalte sind begründet in der Zusammensetzung des Beirates, der nicht nur bestehen soll aus Vertretern der islamischen Verbände, sondern auch aus Hochschullehrern muslimischen Glaubens, die als Experten hinzugezogen werden. Anstößig sind für die Verbände auch die Regularien der Abstimmung, die Zwei-Drittel-Mehrheit-Modalitäten vorsehen und die deshalb verhindern, dass eine Partei sich ohne Absprachen mit den anderen durchsetzen kann“, zählt Borgolte die strittigen Punkte auf.

Ditib erklärt dazu schriftlich, es gebe „noch ­erhebliche Bedenken hinsichtlich inhaltlicher Fragen“ und „verfassungsrechtlicher Themen“, ohne diese genauer zu benennen. Man habe dagegen nicht näher beschriebene ­„Alternativvorschläge“ gemacht. Wie also weiter? Mit der Verweigerung einiger Islamverbände tut sich eine Lücke auf, die liberalere Gruppen füllen könnten. Denn kommt es bis zum 1. April nicht zur Vertragsunterzeichnung, läge im zweiten Anlauf die Einladung der bisher nicht berücksichtigten Muslime in den Beirat nahe. Seyran Ateş hat da schon eine Wunschliste: „Dazu gehören Nord-Afrikaner, dazu gehört die Ahmadiyya-Gemeinde, dazu gehören liberale Stimmen wie der Bund der liberalen Muslime. Das Muslimische Forum gehört da rein, und wir gehören da rein.“ Nicht zu vergessen die Aleviten, Bosnier, Sufis bis hin zur nicht erst seit dem Putschversuch in der Türkei umstrittenen Gülen-Bewegung.

Und wenn man schon bei Wünschen und Visionen ist: Im letzten Jahr beherrschte die Idee einer multi­konfessionellen Berliner Theologie die Feuilletons der Republik. ­Katholische, evangelische, jüdische, muslimische Professoren und Studen­ten, alle zusammen in einer deutschlandweit einmaligen ­„Fakultät der Theologien“ auf einem „Campus der Religionen“! Angesichts der Schwierigkeiten bei der Gründung des Islam-Instituts dürften solche hochfliegenden akademischen ­Pläne allerdings wohl der Vergangenheit angehören.