Brandenburg

Future-Futter

Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Und mit ihr der Hunger auf Fleisch und Soja, aber auch der Wunsch nach Bioprodukten.

Wie werden wir alle satt? Wie sieht die Landwirtschaft von morgen aus?

Agrarsubventionen

Fotos: Messe Berlin GmbH

Der Tropf, an dem alle Landwirte in der EU hängen. Allein in Bauernhöfe von Berlin bis Berchtesgaden pumpt die EU jährlich etwa sieben Milliarden Euro. Weil sich ein großer Teil der Subventionen nach den Hektar pro Fläche bemisst, profitieren die Großagrarier mit den Glyphosat-Feldern. Strengere Umweltauflagen wären die Lösung. Wer auf Artenvielfalt und natürlichen Dünger setzt, würde die höchsten Geldsummen einfahren.


Bürgeraktie

Otto Normalverbraucher werden zu Kapitalanlegern mit philanthropischen Eigenschaften: Mittels Bürger-Aktien können sie Anteile an jungen, aufstrebenden Betrieben aus der Land- und Lebensmittelwirtschaft erwerben, die sich Massentierhaltung und Monokultur verweigern. Im ersten Halbjahr 2018 wird zum Beispiel die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg gegründet – ein Konsortium, das Bio-Bauernhöfe, Lebensmittelgeschäfte und Restaurants unter einem Dach versammelt. Anderswo in Deutschland stecken Förderer bereits Geld in solche Kollektive: Regionalwert-Ableger existieren in Freiburg, in der Region Isar-Inn, im Rheinland und in Hamburg.


Crowdbutchering

Wo kein Konsument, da kein Schlachter – diesem, auch „Cowsharing“ genannten Prinzip folgen verschiedene Projekte, die Kühe „on demand“ veräußern: Inzwischen kann man sich auf mehreren Websites Teile eines Tieres verbindlich vorbestellen. Sobald das ganze Tier verkauft ist, wird es so behutsam wie möglich geschlachtet, nach Wunsch verarbeitet und sogar nach Hause geliefert. Die Wartezeit kann so zwar einige Wochen betragen, teurer als im Biohandel ist das Fleisch aber nicht, da durch den Direktvertrieb eine Zwischenhandelsstufe wegfällt.


Ernährungsrat

Dieses außerparla­mentarische Gremium, 2016 in Berlin ins Leben gerufen, besticht mit mehreren Identitäten: Lobby-Verband, Thinktank und Bewusstseinsfabrik. Zum Rat gehören Stadtgärtner und Einzelhändler, Gastronomen und Wissenschaftler, Bildungseinrichtungen und Vereine. Sie alle wollen eine relokalisierte Landwirtschaft – daraus folgen Diskussionsrunden und Kampagnen. Der Forderungskatalog, den der Ernährungsrat im vergangenen Herbst an den Senat leitete, ist pures Bauernglück: mehr Förderung von Ökolandbau, mehr Bio-Essen in Schulen. Plus: Saatprodukte als frei zugängliche Gemeingüter – so wie die Open-Source-Tomate.


Essbare Stadt

Foto: Lutz Märker

Ob Wildkräuter, Johannisbeere oder Radieschen: Auch in Berlin kann Speisegut gedeihen, auf dem Tempelhofer Feld ebenso wie auf einer Verkehrsinsel in Steglitz. Weshalb politische Aktivisten die Stadtbewohner zum Anbau aufrufen – um aus Konsumenten, die bei Rewe & Co. die Dutzendware der Lebensmittelindustrie kaufen, findige Selbstversorger zu machen. Urban Gardening als Landwirtschaft 3.0.
From Farm to Table Draußen in Neustrelitz, im Forsthaus von Wenzel Pankratz, kommt fast nichts auf den Teller, was der junge Küchenchef nicht selbst gesät, gesammelt oder großgezogen hat. Und drinnen in Berlin setzt sich Barkeeper Filip Kaszubski auf sein Rennrad, um entlang des Mauerwegs Kräuter und Gräser für die Drinks in der Velvet Bar zu sammeln. Die Köche dieser neuen Graswurzelbewegung kennen ihre Bauern und Erzeuger. Immer öfter sind sie es gleich selbst. Das Produkt – und der achtsame Umgang damit – ist der stille Star dieser Küche.


Genossenschaften

Der Evergreen der Graswurzel-Ökonomie. Idealisten bilden Einlagen und verschaffen sich finanzielle Potenz. In Brandenburg ist das mittlerweile ein Erfolgsmodell in der alternativen Agrarszene: Genossenschaften, die „Ökonauten“ oder „Bioboden“ heißen, haben dort Land gekauft – und verpachten es preiswert an Biobauern. Konzerne müssen sich vom Acker machen.


Insekten

Fotos: Josbert Lonnee/Flickr/Public Domain

Mehr als zwei Milliarden Menschen ernähren sich schon heute von verschiedenen Insektenarten. Eiweiß, wenig Fett, Mineralstoffe, bessere Ökobilanz – vieles spricht dafür, die dschungelcampige Furcht vor den Krabbeltieren abzulegen. Zum Jahreswechsel trat die Novel-Food-Verordnung der EU in Kraft, die auch Insekten den Status eines neuartigen Lebensmittels verleiht. Zahlreiche Start­ups haben es nun leichter, ihre Kreationen bei der EU anzumelden. ­Höhere Effizienz, geringer Wasserverbrauch, ein Bruchteil der CO2-Emissionen – den klassischen Nutztieren ist das Kleinstvieh klar vorzuziehen. Das Schmerzempfinden von Heuschrecke und Mehlwurm ist noch wenig erforscht, die Methode des Einfrierens aber solle dem „natürlichen Schicksal“ der Kaltblüter sehr nahe kommen, die bei niedrigen Temperaturen in den Winterschlaf fallen, schreibt der „Fleischatlas 2018“, der Insekten als „brillante Alternative zu Fleisch“ bezeichnet. In deutschen Drogerien gibt es bereits Hundefutter aus Insekten zu kaufen.


In-Vitro-Burger

Foto: Giselle Guerrero/Impossible Foods Inc.

Rund 70 Prozent der Proteinzufuhr stammt in Industrienationen aus tierischen Produkten, andere Länder ziehen erst nach. Der wachsende Bedarf einer wachsenden Weltbevölkerung ist unmöglich zu decken – dem kann auch die passable Zahl der Vegetarier und Veganer nicht beikommen. Silicon-Valley-Tüftler und prominente Investoren wie Google-Mitbegründer Sergey Brin oder Microsoft-Gründer Bill Gates haben das Thema In-Vitro-Fleisch für sich entdeckt. Jetzt ist selbst Geflügel-Gigant Wiesenhof ins Geschäft ums Fleisch aus der Petrischale eingestiegen und beteiligt sich am israelischen Startup Supermeat, einem von vielen Playern auf diesem Zukunftsmarkt. Der erste Burger wurde 2013 präsentiert und sollte rund eine Viertelmillion Euro kosten, inzwischen wäre schon eine Mahlzeit für 11 Dollar möglich, sagen Entwickler. Kritiker verweisen auf die hohen Energiekosten bei der Herstellung und sehen eine drohende Fusion von Bio- und Gentechnik.
Kompostmöbel Lokale Produzenten, urbane Gärtner, genossenschaftlich organisierte Kiezmärkte: Die Ernährungswende findet im Kleinen statt. Warum nicht auch Humus, den Mutterboden, dezentral generieren. Das Berliner Startup Hubus hat eine so formschöne wie dem Thema angemessen rustikale Kompostkiste entwickelt, die tatsächlich – und dabei geruchsneutral – funktioniert. Auf dem Balkon zum Beispiel. Und sogar in der Küche. Gut für Mutter Erde.


Mais-Roboter

Foto: AGCO GmbH

Die selbstfahrenden Hi-Tech-Geräte des Fachherstellers Fendt tragen den knorrigen Namen „Xaver“. Dank intelligenter Informationstechnik überwachen und dokumentieren sie den Maisanbau. Dabei werden Daten per Satellit in eine Cloud gesendet. Aus den gespeicherten Inhalten können Landwirte ableiten, wie es den Pflanzen geht – und welche Pflege nötig ist. Für prekarisierte Kleinbauen ein Kostendrücker.


Öko-Influencer

Ole Plogstedt
Foto: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Auch Biobauern können von digitalen Medien profitieren – wenn sie Facebook und Youtube häufiger als virale Verstärker nutzen würden. Zum Social-Media-Repräsentanten könnte der TV-Küchenmeister Ole Plogstedt werden („Die Kochprofis – Einsatz am Herd“). Als Redner auf der „Wir haben es satt“-Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor ist er bereits eingeplant; als Oxfam-Botschafter hat er schon Kampagnen-Erfahrung gesammelt. Würde er eine Reichweite wie LeFloid erzielen, wäre der Kampf um die Agrarwende die neue Anti-Akw-Bewegung.


Open-Source-Tomate

Ein Pulstreiber für jeden Bauern: Die Züchtungen neuer Kulturpflanzen stehen unter Sorten- und ­Patentschutz. Und für die Lizenzen müssen die Landwirte latzen. Die Samen für die Open-Source-Tomate gibt es hingegen ohne Gebühr. Entwickelt wurden sie an der Universität Göttingen. Sie sind Keime der Hoffnung: Die Pflanzen sind Alternativen zum Geschäftsgebaren von Marktführern wie Monsanto, die den Verkauf von Saatgut an die Distribution von Pestiziden koppeln.


Solidarische Landwirtschaft

Kampfvokabel für die Fraternisierung zwischen Bio-Bauern und ihren Stammkunden. Das gemeinsame Ziel: die Öko-Bauernhöfe gegen die Agrarindustrie konkurrenzfähig zu machen. Der Klassiker ist die Gemüsekiste, die in den 80ern den Mythos der ökologischen Landwirtschaft begründete: Sie wird vom Großstadtmensch abonniert, um dem Landwirt die Existenz zu sichern. Auch die Genossenschaft, Seite 19, ist ein Produkt dieser Liasion.


Soylent

Foto: Von Dan Leveille/danlev on Wikimedia/ Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0,

Der Name ist angelehnt an den Roman „Make Room! Make Room!“, auf dem wiederum der Film „Soylent Green“ basiert – „Soy“ und „lentil“, Soja und Linse, entpuppen sich hier am Ende als Menschenfleisch. Softwareentwickler Rob Rhinehart beweist Selbstironie, indem er seinen Trunk so nennt, meint es aber völlig ernst: Wer sein Pulver trinkt, soll mit allen notwenigen Nährstoffen versorgt sein und auf das lästige Essen verzichten können. Ernährungswissenschaftler sehen das kritisch, gestehen aber ein, der kurzzeitige Konsum könnte für manchen US-Amerikaner gesünder sein als die unter vielen Amerikanern übliche Ernährungsweise. Nun gut, die ist dann wohl auch nicht schwer zu toppen.


Zero-Waste-Bewegung

Alles wird aufgegessen. Im Isla Coffee in der Hermannstraße etwa, wo das Sandwich mit hausgemachtem Ricotta kommt, gekäst aus beim Milchaufschäumen übrig gebliebener Milch. Oder im Restaurant Season in der Potsdamer Straße, dort werden die restlichen Zimtschnecken und das Sauerteigbrot abends zum Crumble auf dem karamellisierten Apfelkompott. Nach „brutal-­lokal“ ist „radikal-restlos“ der neue achtsame Zeitgeist. Darauf ein ­„Leftover-Sandwich“ im BRLO-Brwhouse am Park am Gleisdreieck.


Texte: Lydia Brakebusch, Clemens Niedenthal und Philipp Wurm