Ein alternatives Wohnmodell

Unter einem Dach

Ein bisschen Vorreiter: In Grünau erproben neun Menschen seit 2007 ein alternatives Wohnmodell

Die Eibseestraße in Grünau ist eine typische Mittel­schicht-Gegend im Grünen. Hübsche Häuser, ­gepflegte Gärten, Einfamilienhaus-Idylle. Mutter, Vater, zwei Kinder. So ungefähr das Letzte, was man hier ­erwartet, ist eine Wohngemeinschaft. Eine Haus-WG.
Denn WG, das klingt nach jungen Studenten und durchzechten Nächten, nach Kreuzberg, Friedrichshain, Wedding. Nach Küchen im Ausnahmezustand und Putzplänen für die Mülltonne. WG ist etwas, das eigentlich nicht hierher ­gehört, nach Grünau. Dort, wo die Dahme so breit wie ein See ist. Aber die Wohngemeinschaft, in einem Haus nur wenige ­Meter vom Fluss entfernt, fühlt sich hier verdammt wohl. Sieben Erwachsene, zwei Kinder. Vor dem Haus steht ein ­alter Mercedes-Campingbus.

Der Garten ist der größte Stolz der Bewohner der Haus-WG in der Eibseestraße, zum Sommerfest treffen sich hier rund 200 Gäste
Foto: Eibseeelf

Ein Mittwochabend, halb neun Uhr. Ein Beamer flimmert durch die Dachetage. „This movie is presented to you by Eibsee Productions“, wirft er an eine drei Meter breite ­weiße Wand. Es ist ein selbst produzierten Trailer. Darin ist der ­Garten des Hauses zu bewundern. In prächtigen Naturaufnahmen. Es ist der Start zum allwöchentliche Videoabend der Haus-WG. Jedes Mal bestimmt jemand anders den Film. „Aber nur die Frauen, die Männer suchen immer so Scheiß-­Filme aus“, tönt es von der hinteren Sofaecke. Und schon ist eine Diskussion im Gange. Lachen, Frotzeln, Albern. Dazu gibt es Selbstgekochtes aus der Party-Küche. Und einiges an Getränken.

Ein ganzes Haus als WG, diese Wohnform war gefühlt ­lange Zeit vom Radar, es fühlte sich nach 70er-, 80er-Jahren an. Jetzt aber, wo die Mieten in Berlin steigen und steigen, der Kauf eines ganzen Hauses zunehmend ein Traum ist, den Banken platzen lassen, wo aber auch die Angst vor Einsamkeit sich durch Zweizimmer-Wohnungen arbeitet, werden Formen des Zusammenwohnens immer interessanter.

Auf dem Portal www.cohousing-berlin.de findet man mittlerweile ein breit gefächertes Spektrum von Hauswohngemeinschaften, Baugemeinschaften und Genossenschaften. Die meisten dieser eher neuen Projekte haben den Bau oder die Renovierung eines Objektes gemeinschaftlich in Angriff genommen. Wie zum Beispiel das „Generationenhaus Lichterfelde“, das über zwölf Wohneinheiten mit schwellenfreien Wohnungen verfügt. Oder die „Kastanienallee 77“ in Prenzlauer Berg, in der 21 Personen auf vier Etagen eines Altbaus mit einer Großküche leben und alle zwei Jahre Raumrotation vertraglich festgelegt ist. Oder wie „Türrschmidt30“ im Lichtenberger Kaskelkiez, wo „das Wohnen als Grundrecht“ ­betrachtet wird und das Haus „selbstverwaltetes Miets­haus bleiben“, und „nicht als Ware oder Kapitalanlage missbraucht werden“ soll.

Wenn man so will, kann die Haus-WG in der ­Eibseestraße als eine Art Vorreiter dieses Trends gelten. Vor mehr als zehn Jahren, 2007, kamen die ersten aus dem Bötzow-Kiez in Prenzlauer Berg nach Grünau. „Als ich das Haus kaufte, war es in einem total heruntergekommenen Zustand, und ich musste enorm viel in die Renovierung ­investieren“, erinnert sich Gründerin Irina*. Dafür betrug der Kaufpreis damals auch lediglich 120.000 Euro, mitsamt des verwilderten Gartens. Aus heutiger Sicht: ein Glücksfall.
Der Garten ist mittlerweile gut in Schuss, inklusive Obstbäumen und einer Feuerstelle, die rege für gesellige Lagerfeuer und Grillabende genutzt wird.

Jede der fünf Wohneinheiten zwischen 40 und 60 Quadratmetern, die entweder von einer Person oder einem ­Pärchen bewohnt werden, hat eine eigene Küche und ein eigenes modernes Bad, dies auf drei Etagen. Alles ist tadellos sauber und aufgeräumt. Streitereien mit dem Putzplan ­fallen dabei aus. In Grünau gibt einen bezahlten Putzdienst. „Lediglich wegen der gemeinschaftlichen Tiefkühltruhe zoffen wir uns manchmal“, sagt Irina. Die sei des öfteren mal überfüllt.

Stammkneipe in der alten Heimat

Die Erwachsenen sind zwischen 32 und 65 Jahre alt, dazu kommen zwei Kinder. Da ist zum Beispiel die Grundschullehrerin Magdalena*. Oder Claudia*, die jeden Tag als Verlagsvertreterin auf Tour in den Buchhandlungen der Stadt ist. Oder Lars*, der sein Geld als SAP-Fachmann verdient.

Und da ist Thorsten*. „Thorsten ist unser Eso“, sagt ­Magdalena und zieht dabei eine vielsagende ­Grimasse. „Naja, er macht so ­Feuerlaufseminare, verschiedene ­Massagen und so weiter“, versucht sie seinen „Job“ zu ­erklären, von dem dann und wann auch Mitglieder der Haus-WG profitieren.

Gemeinsam mit seiner Partnerin gehört Thorsten auch der abgetakelte Mercedes-Bus, der zu einem Campingmobil umgebaut wurde und der vor dem Haus parkt. „Damit machen wir nicht nur Urlaub, sondern auch Ausflüge an den Wochenenden“, sagt Thorsten.
Und an Nachfrage nach Zimmern in der Eibseestraße herrscht kein Mangel. Wenn ein Zimmer frei wird, rückt meist sofort ein Bekannter aus dem Bötzowkiez nach. Der wird auch schon mal mit einem Aushang in der ­alten Stammkneipe „Babel“ angeworben. Im „Babel“ treffen sich die WG-Mitglieder immer noch regelmäßig zum Bier, auch wenn die Kneipe nicht gerade um die Ecke liegt.
Die Miete betrage rund 8 Euro pro Quadratmeter, das soll ausreichen, um die Tilgung des Hauskredites zu bezahlen. Auch künstlerisch ist man ambitioniert: Da Carla*, die Tochter von ­Irina, Künstlerin ist und ebenfalls im Haus wohnt, sind alle Flure mit ihren Kunstwerken dekoriert.

Höhepunkt des WG-Lebens aber ist das jährliche Sommerfest im Garten des Hauses. Beim letzten Mal wurden 200 Gäste gezählt. Ein Fest mit Live-Band-Beschallung, das kann eben nicht jede WG bieten.

*Alle Namen geändert