Sex ohne Angst

Prep verhindert die Ansteckung mit HIV

Es gibt eine Pille, die Ansteckung mit HIV verhindert. In Deutschland ist sie jetzt erschwinglich geworden. Die Nutzerzahl steigt. Doch mit der neuen Sicherheit nimmt auch das Risiko zu, sich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken


Text: Xenia Balzereit

Im Café Kuchenrausch sitzen Großeltern mit ihren Enkeln bei warmem Licht und Kuchen, heimeliges Stimmengewirr erfüllt den Raum. „Wir sind doch alle geil drauf, ohne Gummi zu vögeln“, sagt Robert, als der Kellner Himbeerkäsekuchen bringt.

Er wartet kurz, rückt seinen Teller zurecht. Dann fügt er etwas leiser hinzu: „In der Schwulenszene ist es doch so: Wenn du auf ’ner Sexparty mit Kondom ankommst, stehst du irgendwie außen vor.“

Präexpositionsprophylaxe: Für 50 Euro nie wieder Sorgen um HIV
Foto: Renata Chueire

Robert ist jetzt 39, so oft geht er nicht mehr zu Sexpartys. Aber er macht es trotzdem ohne Kondom. Seit Jahren schläft er meist mit denselben fünf oder sechs Männern. Denen musste er glauben, dass sie HIV-negativ sind.
Seit sechs Wochen aber macht er sich keine Gedanken mehr darum. Und wenn er doch mal mit jemandem schläft, den er nicht so gut kennt, dann dreht er sich nicht extra nochmal um, um zu sehen, ob das Kondom auch sitzt. Robert hat jetzt keine Angst mehr. Seit September nimmt er Prep.

Prep ist die Abkürzung für Präexpositionsprophylaxe, das Medikament schützt bei korrekter Anwendung vor einer HIV-Infektion. Seit Sommer 2016 ist es in Deutschland erhältlich, doch erst seit 5. Oktober 2017 erschwinglich: 50 Euro zahlen Nutzer für einen Monat HIV-Prophylaxe in rund 60 Apotheken, davor waren es bis zu 900 Euro.
Das ist dem Kölner Apotheker Erik Tenberken zu verdanken, der mit ansehen musste, wie viele seiner Freunde an Aids zugrunde gingen und deshalb beschloss, etwas gegen die Verbreitung des Virus zu tun. So hat der Apotheker ein Schlupfloch im deutschen Gesundheitssystem gefunden: Das Medikament, das für die Prep benutzt wird, kommt auch in der HIV-Therapie zum Einsatz. Es kostet dort mehrere Hundert Euro, die Krankenkassen zahlen.
Normalerweise ist es unmöglich, dasselbe Medikament zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen. Tenberkens Trick geht so: Der Pharmakonzern Hexal schickt ihm die Pillen lose zu und der Kölner verblistert sie neu. Fertig ist das neue Produkt für 50 Euro, das eigentlich dasselbe Medikament ist. Gewinn macht Tenberken dabei kaum, im Einkauf bezahlt er fast 50 Euro. Für Hexal ist es ein guter Deal – in der Herstellung kosten die Pillen ein paar Cent. Hersteller Ratiopharm senkte gerade den Monatspreis für Prep auf 70 Euro, damit ist es in allen Apotheken günstig erhältlich.

Schätzungen der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) gehen von 1.000 bis 2.000 Prep-Nutzern in Deutschland aus. „Seit die 50-Euro-Prep da ist, kommen jeden Tag fünf Leute zu mir und wollen das“, sagt Ingo Ochlast, der eine Praxis mit Schwerpunkt HIV in Berlin leitet. Das Land will in einem Modellversuch den Nutzern die Prep finanzieren.
In Paris gibt es laut Ochlast 2.400 Nutzer. Dort zahlt die Krankenkasse das Medikament. In Großbritannien will das nationale Gesundheitssystem nicht zahlen, hat aber eine dreijährige Studie mit 10.000 Teilnehmern gestartet, die Prep kostenfrei erhalten. Gleichzeitig vermeldet das Vereinigte Königreich einen bemerkenswerten Trend. Der zeigt, dass die Zahl der Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), sinkt. Im ganzen Land um 21 Prozent, in London sogar um 29 Prozent.

Bei heterosexuellen Männern und Frauen bleibt die Zahl der HIV-Diagnosen hoch. Prep wirkt auch bei Frauen, aber MSM haben aus Sicht der Prävention eine höhere Priorität: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich anstecken, ist größer.

Robert sagt, teilweise werde er diskriminiert, weil er Prep nutze. Neulich habe einer sogar die Sexparty verlassen, nachdem er es erfahren hat. Warum? Vielleicht habe ihn der andere für eine Keimschleuder gehalten. Aber nur weil er auf Prep sei, hieße das ja nicht, dass er nur noch ohne Gummi ins Bett steige. „Seit ich denken kann, schreien alle: ,Mein Gott, kann nicht endlich einer mal was erfinden um diese schreckliche Seuche einzudämmen?’“ Robert seufzt, guckt runter, rührt in seinem Tee. Das Erlebnis hat ihn tief getroffen. Seiner Meinung nach tut er etwas gegen die Verbreitung des Virus. Damals, als er sich geoutet hat, war die erste Frage seiner Mutter, ob er jetzt HIV bekomme. Und seine größte Angst, es zu bekommen und es ihr sagen zu müssen. Er blickt auf, sagt: „Das ist jetzt vorbei.“

Massive Nebenkosten

Nicolas Feustel will seine Prophylaxe von der Krankenkasse bezahlt bekommen
Foto: privat

Nicolas Feustel sieht das genauso. Der Filmemacher nimmt seit zwei Jahren Prep und setzt sich dafür ein, dass auch in Deutschland die Krankenkassen für die Kosten aufkommen. „Wenn wir jetzt in der Lage sind, eine der größten Epidemien der Geschichte eindämmen zu können, warum tun wir es dann nicht?“ fragt Feustel. Die DAH vertritt denselben Standpunkt und fordert, dass die Krankenkassen für alle Kosten aufkommen. Es bleibt nämlich nicht bei den 50 Euro pro Monat. Wer die Prep einnimmt, muss sich alle drei Monate auf HIV und die Nierenfunktion testen lassen – denn auf lange Sicht kann Prep die Nieren schädigen. Außerdem sollten sich Prep-Nutzer regelmäßig auf andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs) testen lassen, teilweise müssen sie selbst dafür zahlen. Zu den 50 Euro jeden Monat kommen also in manchen Fällen bis zu 400 Euro pro Quartal für all die Tests.

Die Empfehlung der DAH deutet auf einen Nachteil der Prep hin: Wer sich mit ihr so sicher fühlt, dass er ohne Kondom Sex hat, läuft Gefahr, sich mit anderen Krankheiten anzustecken. „Aber immerhin sind wir gegen die STI geschützt, die unheilbar ist“, sagt Feustel. Gleichzeitig werden durch die regelmäßigen Arztbesuche andere STIs schneller entdeckt und behandelt, Infektionsketten unterbrochen. „Allerdings ist das nur der Fall, wenn die Nutzer sich die Tests auch leisten können oder sie bezahlt bekommen“, meint Feustel.

HIV ist nicht die einzige Gefahr

Fakt bleibt trotzdem, dass Prep-Nutzer mehr Geschlechtskrankheiten haben. „Bis zu dreißig Prozent“, sagt Ochlast. „Vor allem die Hepatitis-C-Rate steigt.“ Deswegen fordern die Hersteller, Prep nur in Verbindung mit Kondomen zu benutzen. Das weiß auch Robert. Er sagt: „Klar, Hepatitis C und alles andere blendet man dann aus. Aber das haben wir früher mit HIV auch gemacht.“

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