Sexstadt Berlin

Straßenstrich, aber wie?

Benutzte Gummis, benutzte Frauen, Kampfhunde, ­Gewalt – und ein Bürgermeister, der all das von der Straße schaffen will: Der Streit um den Strich an  der Kurfürstenstraße spitzt sich zu. Der Bürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), will die Straßen-­Prostitution verbieten lassen und bittet den Senat,  Sperrbezirke einzurichten. Dass Strich und Kiez mitein­ander auskommen können, zeigt sich am Beispiel der Oranienburger Straße – ein Vergleich

Samstagabend auf der Kurfürstenstraße. Auf dem Abschnitt zwischen Genthiner und Potsdamer Straße stehen auf 350 Metern rund zwei Dutzend Frauen, die ihre Körper verkaufen. Sex: ab 25 Euro. ­Manche Frauen lassen sich auf weniger ein. Die meisten Prostituierten warten auf Kundschaft und lehnen gelangweilt an parkenden Autos. Zwei teilen mit einem Mann, der auf einem Campingstuhl hockt, eine Packung Plattpfirsiche.

Neben den Frauen sind es diese Männer, die das Leben auf dem Straßenabschnitt ­dominieren – und von denen ­viele wie auch die anschaffenden Frauen aus Osteuropa stammen sollen. Im Abstand von gut 50 Metern sitzen sie. Es sind Lakaien der Zuhälter. Dass mit ihnen nicht nur gut Pfirsiche essen ist, zeigt sich ein paar Meter weiter. Ein neonpinke Leggins tragendes Mädchen, vielleicht Anfang 20, schaut einem dieser Männer ängstlich in die Augen. Gerade hat er seinen Kofferraum geöffnet, aus dem zwei Kampfhunde die Sexarbeiterin anknurren.

Hier auf der Oranienburger Straße sind die Preise hoch und die Probleme klein. Auf der Kurfürstenstraße ist es andersherum
Foto: picture alliance / Maximilian Norz

Seit den 20ern des letzten Jahrhunderts

Im Eingang des Frauentreffs Olga, der sich auf halber Höhe befindet, kauert derweil ein vollgedröhnter Junkie. Vor wenigen ­Wochen fand hier eine Massenschlägerei statt, die Polizei vermutet Revierkämpfe. Seit den 20er-Jahren bieten auf der Kurfürstenstraße Frauen öffentlich sexuelle Dienstleistungen an. In den Medienberichten der vergangenen Jahre ist von Kondomen, Taschentüchern, Fäkalien und benutzten Spritzen auf Straßen, Grünflächen und in Hauseingängen die Rede. Von ständigen Polizeieinsätzen, Gewalt unter den Frauen, den Zuhältern, den Freiern und von andauernder Belästigung der Anwohner, ­Anrainer und Kinder der anliegenden drei Schulen. Zumindest die Gehwege sind an diesem Samstagabend ziemlich sauber, was wohl daran liegt, dass die BSR täglich zum Reinigen ausrückt. Und in der Grünanlage neben dem Französischen Gymnasium ist niemand in flagranti auszumachen.

Dennoch will Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) die Prostitution und das Werben um Freier auf öffentlichem Straßenland verbieten lassen. „Die Zustände sind unwürdig, hemmungslos und roh und nicht nur für die Menschen vor Ort ein Problem“, sagt er. Von Dassel richtete eine ­Bitte an den Senat, Sperrbezirke einzurichten.
Unerwartet hat sich nun die AfD in den Konflikt eingeschaltet und zum ­Bürgerdialog vor Ort aufgerufen, der jedoch durch eine Blockade verhindert wurde. Der Senat hat bislang noch keine Stellung bezogen. Stephan von Dassel selbst ist nach seinem Vorpreschen in den Urlaub gegangen, aus dem er erst im September zurückkehren wird.

Simone Wiegratz, Leiterin der Beratungsstelle Hydra, die sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen einsetzt, weiß, warum der Konflikt eskaliert: „In der ­Kurfürstenstraße arbeiten immer mehr Frauen auf immer kleiner werdenden Freiflächen. Deshalb weichen sie auf den öffentlichen, den einsehbaren Raum aus.“ Von Dassels Forderung kann sie jedoch nichts abgewinnen: „Sperrbezirke führen nur zu einer Verlagerung des Strichs.“

Stephan von Dassel vertrat schon als stellvertretender Bürgermeister eine ­härtere Linie als sein Amtsvorgänger Christian ­Hanke. Als ein mögliches Instrument, um der Prostitution entgegenzuwirken, ­forderte von Dassel damals die Aufwertung des ­Kiezes. Dazu gehört auch die Errichtung des Carré Voltaire an der Genthiner Straße mit 113 Luxus-Eigentumswohnungen, Kaufpreis ab 5.700 Euro pro Quadratmeter. Trotz der Probleme sind nach Angaben des Immobilienentwicklers bereits 85 Prozent aller Wohnungen verkauft. Schon werden Befürchtungen laut, der Kiez werde durchgentrifiziert. Der Strich hält bisher noch dagegen.

Von Dassel sagte, darauf angesprochen: „Um das Mietniveau auf einem sozialverträglichen Niveau zu halten, ist eine Verelendung einzelner Kieze durch möglichst ­unhaltbare Zustände im Zusammenhang mit dem Straßenstrich der falsche Weg.“

Während an der Kurfürstenstraße die Fronten verhärtet sind, läuft das Geschäft an der Oranienburger Straße ruhig vor sich hin. Wie kann das sein? Wiegratz sagt: „Der Strich ist hochpreisiger. Zudem ­ziehen sich die Damen mit den Freiern in Etablissements zurück, das stört die Anwohner nicht.“ Die Rückzugsräume befinden sich in den Seitenstraßen, stundenweise können hier Zimmer angemietet werden. In der Oranienburger Straße haben die Berater von Hydra zudem die Erfahrung gemacht, dass die Frauen in der Regel nur eine Zeitlang bleiben und dass viele von ihnen gute Voraussetzungen haben, dem Strich den Rücken zuzukehren. Hierfür würden eigenständig Beratungs- und Weiterbildungsangebote eingeholt.

Die Oranienburger Straße könnte als Vorbild dienen. Arbeitsräume, niedrigschwellige Angebote der Sozialarbeit, Beratungen: Es wäre ein Ansatz, wie man ihn von den Grünen, von Dassels Partei, erwartet. Doch der Bezirksbürgermeister will das Verbot. Er will aufräumen in seinem Bezirk. Aus den Augen, aus dem Sinn, scheint die Devise zu sein.