Berlin

»Wir waren voll auf LSD«

Kai Sichtermann war Bassist bei Ton Steine Scherben. Jetzt hat der 66-Jährige seine Autobiografie geschrieben. Wir haben mit ihm und Ko-Autor Jens Johler über die Stadt, Berlins wichtigste Band und die Linke gesprochen

Mir war klar, wohin ich wollte: nach Berlin! Das war der angesagte Ort. Berlin bedeutete für mich Freiheit! Berlin war auch deswegen für mich mit Freiheit verbunden, weil es dort die Demos, die Hippies, die Wohngemeinschaften, die Kommunen gab – die ganze antiautoritäre Bewegung.

Herr Sichtermann, als Sie 1969 nach Berlin zogen: Was war das für eine Stadt?
KS Eine sehr spannende. Berlin war eine Insel in der DDR, und da hinzukommen war abenteuerlich. Entweder musste man fliegen – ich bin damals oft geflogen, weil die Flüge so billig waren, die wurden subventioniert – oder mit dem Auto fahren. Aber das war sehr mühselig mit den ganzen Grenzkontrollen. Wenn man ein bisschen freakig aussah, mit langen Haaren, hatte man es besonders schwer. Weil die immer dachten, man hätte Drogen dabei. Es waren ganz viele Aussteiger in Berlin, alle, die nicht zur Bundeswehr wollten, weil, wenn man mit erstem Wohnsitz in West-Berlin gemeldet war, brauchte man nicht zur Bundeswehr. Das war auch ein großer Antrieb für mich, aber nicht nur. Ich hatte bereits für ein paar Tage Jens besucht und meine Schwester Barbara, und bei diesem Kurzbesuch habe ich kurz Rio Reiser, unseren späteren Frontmann, kennengelernt und war gleich fasziniert. Ich habe gedacht, wenn ich nach Berlin gehe, könnte ich ihn öfter mal treffen.

Ton Steine Scherben: Kai Sichtermann am Bass
Foto: Jutta Matthes ( info@kasper-aus-berlin.de )

Wie hat Rio Reiser Ihr Leben verändert?
KS Als ich ihn kennengelernt habe, konnte ich nur ein bisschen Klavier und ein bisschen Lagerfeuergitarre, und nach ein paar Tagen hat er gesagt, dass er einen neuen Bassisten sucht, und ich habe gesagt: Ich habe noch nie Bass gespielt. Er meinte: Kein Problem, schaffst du schon. Ohne Rio wäre ich vielleicht nie Bassist geworden.

Rio hatte eine neue Droge dabei, Mescalin, ein halluzinogenes Pulver, das aus einem Kaktus gewonnen wird. Mescalin wirkt viel softer als LSD, längst nicht so heftig. Aus dem Tag wurde eine lange Nacht, etwas abgehoben zwar, aber trotzdem stand am nächsten Morgen fest: (…) Wir gründen gemeinsam eine Rockband. (…) Ton Steine Scherben. Das erinnerte ein bisschen an die Gewerkschaft Bau Steine Erden, aber der Sinn war natürlich: Wir machen Töne, die Fans werfen Steine – und dann gibt es Scherben. Man könnte auch frei nach Marx sagen, wir bringen mit unserer Musik die Verhältnisse zum Tanzen. (…) Im Sommer nahmen wir unsere erste Single auf. (…) Ich hätte gerne originellere Basslinien gespielt. Aber was soll man machen, wenn man nicht so schnell ist wie die anderen? Und schließlich waren wir ja auch voll auf LSD.

Haben Sie jemals einen Stein geschmissen?
KS Nö. Das mochte ich nicht.

Aber Sie müssen doch bei Straßenschlachten gewesen sein!
KS Ich kann mich an eine Szene erinnern, wo ich weggelaufen bin, das war am Ku’damm. Ich hatte nur Badelatschen an und habe gedacht, ich bin aus der Gefahrenzone, bin immer langsamer gelaufen, habe mich umgedreht, und dann war 3 bis 4 Meter hinter mir ein knüppelschwingender Polizist in voller Uniform im Laufschritt. Da musste ich von einer Sekunde zur anderen den Turbo anschalten und habe meine Badeschlappen verloren vor lauter Schreck, bin dann barfuß wie ein geölter Blitz gelaufen, so lange ich konnte. Der hat mich zum Glück nicht eingeholt.

Wir oder die Veranstalter vor Ort riefen das Publikum dazu auf, ein Haus zu „besichtigen“ – wir haben es vermieden, das Wort „besetzen“ auszusprechen –, und das passierte dann einige Male, bestimmt ein gutes halbes Dutzend. Eines der besetzten Häuser war das sogenannte Rauch-Haus in Berlin-Kreuzberg.

Jens Johler, Sie waren auch bei der Rauch-Haus-Besetzung dabei. Wie war das?
JJ Für mich war es die legendärste Besetzung. Da hat sich ein ganzer Tross aufgemacht von der TU nach Kreuzberg, ist da über die Mauer geklettert oder den Zaun und hat das besetzt.

KS Ein Teil ist reingekommen, dann kam die Polizei und hat alles abgesperrt. Wir mussten noch unsere Instrumente einpacken und kamen deshalb zu spät, wir kamen nicht mehr rein ins Haus.

JJ Ich war drin.

KS Aber ich war draußen, und da war die Polizei und die war sehr aggressiv. Aber die konnten nicht reingehen, es war ja alles verbarrikadiert.

JJ Doch gegen Mitternacht kam Stadtrat Beck, hat mit uns verhandelt, und damit war der Polizeieinsatz beendet. Anders als ein halbes Jahr vorher, als das Jugendzentrum geräumt wurde, auch am Mariannenplatz.

KS Ja, das war krass.

Waren Sie bei der Räumung dabei?
KS Ja, war ich. Die kamen rein, und ich hatte ein bisschen Angst, weil ich nicht wusste, ob die jetzt gleich losknüppeln. Das haben sie in dem Fall nicht gemacht. Bei anderen Räumungen standen sie Spalier, und jeder, der rauskam, kriegte die Knüppel ab.

Warum gibt es keine Besetzungen mehr?
KS Weil die Leute anders drauf sind. Anderer Zeitgeist. Man müsste mal die Jugendlichen fragen, die Probleme haben, eine Wohnung zu finden. Ich bin ja jetzt Rentner und muss kein Haus mehr besetzen. Ich habe eine Wohnung.

Während der ersten drei Jahre nach Gründung der Scherben hatten wir jede Menge Scherereien mit der Polizei, nicht nur bei Hausbesetzungen, auch bei Kontrollen auf Autobahnen und an den innerdeutschen Grenzen. (…) Nun ja, wir waren eben ein Haufen langhaariger Freaks, die zu Hausbesetzungen aufriefen, Drogen konsumierten und Beziehungen zum revolutionären Underground hatten.

Einmal gab es auch eine Razzia in Ihrer Ton Steine Scherben-Kommune.
KS Wir hatten der LP „Keine Macht für Niemand“ eine Spielzeugzwille beigelegt. Und wir hatten Trebekinder aufgenommen, die haben mit diesen Zwillen im gegenüberliegenden Haus die Fensterscheiben kaputtgemacht. Normalerweise kommt da ein Streifenwagen und nimmt ein Protokoll auf, aber die sind bei uns reingestürmt, mit Bleiwesten und Maschinenpistolen im Anschlag.

JJ Muss man so unschuldig tun? Ihr hattet immer Kontakte zu Leuten, die im Untergrund waren. Insofern wart ihr natürlich unter Dauerverdacht.

KS Wir haben uns ja auch nicht gewundert oder beschwert. Damit haben wir gerechnet, dass die uns auf dem Kieker haben.

Sie haben ja sogar mit einem Beitritt bei der RAF geliebäugelt.
KS Das war ganz am Anfang, als die RAF sich gerade gegründet hat. Ich habe dann, das war aber auch ein bisschen romantisches Denken, gedacht, man müsste doch irgendetwas tun gegen die Ungerechtigkeit in der Welt. Aber das waren nur ein paar Tage, wo ich damit ernsthaft schwanger gegangen bin. Dann dachte ich: Nein, das geht nicht, ich bin auch gar nicht der Typ. Ich habe mich immer für Gewaltfreiheit eingesetzt.

Unterstützt haben Sie die Gruppe: Flugblätter verteilt und Helfer für Waffentransport und Wohnungsanmietung akquiriert.
KS Die ersten zwei Jahre, aber danach nicht mehr. Das wurde ja immer gewalttätiger. Die Gewaltspirale schraubte sich hoch, und je gewalttätiger das wurde, desto eher dachten wir: Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Kai Sichtermann heute
Foto: Ruud Englebert

JJ Spätestens 1975 war Schluss, als die Scherben richtiggehend geflohen sind vor der Linken, in eine Landkommune. Es wurde von ihnen immer verlangt, dass sie auf Solidaritätskonzerten umsonst spielten, andererseits wurden sie verteufelt, wenn sie sich eine neue Anlage kauften. Und die RAF, es gab einen Kontaktmann zu denen bei den Scherben, die RAF wollte, dass die Scherben ein Lied komponieren für den bewaffneten Kampf, „An die Gewehre“ oder sowas. Stattdessen haben sie „Keine Macht für Niemand“ gesungen, und damit waren sie bei der RAF unten durch.

Am meisten besucht haben wir das Cafe Kaputt, dort war es auch im Winter warm, und wenn du kein Geld hattest, um etwas zu bestellen, wurdest du nicht rausgeschmissen. Jeder war willkommen, egal wie abgerissen oder kaputt er aussah. (…) Auf Tour konnten wir uns zu dieser Zeit keine Hotels leisten. In der Regel hatten wir ein Matratzenlager auf dem Fußboden irgendeiner Wohngemeinschaft. Das war nicht gerade komfortabel, machte uns aber nicht viel aus. Und in den WGs gab es nach unserem Auftritt meist noch ’ne Party, die war in der Regel auch nicht drogenfrei.

Sie haben in der ersten Zeit mit den Scherben oft gehungert, aber große Abenteuer erlebt. Damals gab es offensichtlich wenig Geld, aber viel Freiheit in Berlin. Ist es heute andersherum: Viel Geld und wenig Freiheit?
KS Das ist der Neoliberalismus. Damals waren mehr kreative Ideen im Raum als heute.

Sind Sie reich geworden mit den Scherben?
KS Wir haben überlebt. Es gab Phasen, wo wir nicht schlecht verdient haben, dann gab es wieder Phasen, wo es schlecht war, und dann hatten wir irgendwann mal Schulden, daran waren wir nicht ganz unschuldig. Jetzt bin ich ja mit Funky, unserem Scherben-Drummer und Gymmick, einem neuen Sänger, wieder auf Tour, und wir spielen ziemlich viel und so gut wie jetzt gerade habe ich noch nie verdient. Als wir die Band damals gegründet haben, hat sich keiner von uns träumen lassen, dass sie 40 Jahre später immer noch so bekannt ist.

Das Konzert am 27.12.:

Kai & Funky, Ton Steine Scherben, Ret Marut, Zwanzich

Sie haben vor zwei Jahren auch auf dem berühmten Fusion-Festival gespielt. Wie war das für Sie?
KS Das Konzert war toll, die Leute sind gut mitgegangen. Aber selber … das ist nicht mein Ding. Es war nur laut, überall Technomusik, das ist nicht meine Musik.

Auszüge aus:  Kai Sichtermann / Jens Johler: „Vage Sehnsucht: Der Bassist von Ton Steine Scherben erzählt sein Leben“. Martin Schmitz Verlag, 2017, 288 Seiten, 17,80 €

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